Ein gefährliches Buch
Johannes Kößler

Was brauche ich, um die Welt zu verändern? Wird man sich an irgendwas erinnern, das ich getan habe? Wars das schon oder kommt da noch was?
Das neue Buch des niederländischen Historikers und Bestsellerautors Rutger Bregman „Moralische Ambition“ fängt mit einer beunruhigenden Frage an, die sich wohl jede und jeder über 15 schon mal gestellt hat: „War das schon alles, was ich erreichen kann? Werde ich der Welt mehr hinterlassen, außer der Erinnerung, dass ich oft unterschiedliche Socken angehabt habe? Und wenn ja, was soll einer wie ich schon ausrichten?“
Zu Beginn steht die Geschichte eines buddhistischen Mönches, der, nach mehreren tausend Stunden Meditation mithilfe eines Gehirnscans zum glücklichsten Menschen der Welt erklärt wurde. Das wirkt im ersten Moment sehr erstrebenswert, aber ist es das wirklich? Rutger Bregman fragt zurecht: Ist es das, was wir hinterlassen wollen? Gibt es nicht viel mehr und viel wichtigeres, als alles zu tun um glücklich zu sein? Ist es das, woran man sich erinnern soll, wenn man nach unserem Tod an uns denkt? Er war glücklich? Und ist es vielleicht zum Teil genau diese Einstellung, die uns in unsere derzeitige krisengebeutelte Zeit geführt hat?
In seinem kritischen, rücksichtslos optimistischen und wahrscheinlich gefährlichen Buch sagt der Autor von „Im Grunde gut“ ganz klar: Glücklich sein reicht nicht. Da geht noch mehr.
Aber was brauchen wir dafür, mehr zu erreichen? Etwa einen erfolgreichen Insta-Account? Die zündende Idee für eine App, die uns sagt, wie viele Zigaretten wir nicht geraucht haben, seit wir aufgehört haben? Wahrscheinlich nicht.
In den ersten Seiten wird einem ganz schön mulmig, denn Bregman rechnet klar und deutlich vor, wie viele von uns ihr Talent und unsere Kraft verschwenden und vor allem spricht er eines deutlich aus: Wir wissen das. Wie viele Menschen, die in der Finanzbranche tätig sind, halten ihren Job für sinnlos? Und im Gegensatz dazu, wie vielen geht es im pädagogischen Sektor so? Wie viel kostet ein Hedgefonds-Manager die Gesellschaft und wie viel bringt der Gesellschaft jemand ein, der in der Pflege arbeitet? Dass Ertrag/Reichtum und ein Gefühl der Sinnhaftigkeit sich oftmals diametral gegenüber liegen, ist noch leicht nachvollziehbar. Das Gefühl der Sinnlosigkeit wird mit einer Spende an irgendeine Organisation betäubt, aber nicht zu viel, wir wollen nicht übertreiben. Und schon haben wir getan, was wir können. Aber stimmt das? Und wenn nein, wie gelingt es uns, so viel zu geben, dass die Welt sich zum besseren wendet, dass wir aus diesen Krisen herausfinden und wirklich etwas ändern können? Oder ist es vielleicht ganz anders? Geben wir etwa falsch? Lässt sich ein gutes Leben beziffern?
Rutger Bregman erzählt die Lebensgeschichten von Ralph Nader, einem Anwalt in den USA, der mit seiner unglaublichen Arbeit wohl mehr Menschenleben gerettet hat, als wir uns vorstellen können. Bis es schief gelaufen ist.
Er erzählt von Albert Douwes, einem niederländischen Außenseiter und Querulanten, der während des 2. Weltkrieges unzähligen jüdischen Flüchtlingen das Leben gerettet hat.
Von Thomas Clarkson wird erzählt, einem der führenden Abolitionisten Englands, der mit unfassbarer Selbstaufgabe und der Hilfe zahlreicher Mitstreiterinnen und Mitstreiter den Verbot von Sklavenhandel in Großbritannien erwirkt.
Und dann ist da natürlich noch die geniale Rosa Parks, Rob Mather, Leah Garcés und viele, viele mehr.
Wenn man sich im Angesicht dieser unglaublichen Lebensgeschichten denkt, na gut, ich kann so was sicher nicht, dann ist dieses Buch das richtige.
Genauestens recherchiert, treffend, absolut packend geschrieben und dabei unterhaltsam erzählt Rutger Bregman von dem, was er moralische Ambition nennt, davon, was den Unterschied zwischen noblen Verlieren, Pseudo-Wohltätigkeit und echten Weltverbesserern ausmacht und er schafft es dabei, mit beiden Beinen fest auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben. Dieses Buch ist ein sachliches, fundiertes Meisterwerk.
Kein Zweifel, wir leben in einer turbulenten Welt, die mit all ihren Krisen beängstigend wirkt, doch Rutger Bregman schafft es, Mut zu machen und zu bewegen. Moralische Ambition ist meiner Meinung nach das wohl wichtigste, unbequemste und gefährlichste Buch der letzten 10 Jahre. Lies es bitte.
P. S.: Und weil es noch nicht genug ist und weil immer noch mehr geht, hat Rutger Bregman kurzerhand eine eigene Schule eröffnet, ein Portal, für alle, die es wagen, die Welt ein bisschen besser machen zu wollen: Schule für moralische Ambition
Rutger Bregman
„Moralische Ambition“
Rowohlt Verlag – 978-3-498-00718-8