Johannes empfiehlt – Wie die Hasen

Johannes empfiehlt:
Wie die Hasen

Anna Silber, Picus Verlag

Es ist ein Thema, bei dem oft ein lautes „Nie wieder!“ zu hören ist – und leider auch immer öfter ein feiges „Nicht schon wieder“. Dabei stellt sich mir immer wieder die Frage, was es denn die Menschen kostet, sich zu erinnern, was es ihnen denn wegnimmt, verantwortungsvoll mit ihrer Vergangenheit umzugehen.
Anna Silber erzählt diese Fragen in „Wie die Hasen“ aus und stellt ihnen weitere zur Seite, eingebettet in eine kluge und liebevolle Familiengeschichte aus dem Mühlviertel.

„Am 2. Februar 1945 versuchten ca. 500 zur Ermordung in das KZ Mauthausen eingewiesene, fast ausschließlich sowjetische Offiziere einen Fluchtversuch aus dem Lager.“ So beginnt der Text auf dem von der sozialistischen Jugend errichteten Gedenkstein zur „Mühlviertler Menschenhatz“ in Ried in der Riedmark. Von 500 Menschen haben, soweit bekannt, 11 das Grauen überlebt. Als es in der Nacht an der Tür des Reisingerhofes bumpert und einer der Geflohenen davorsteht, tun Paula Puchners Eltern ihre christliche Pflicht und verstecken den Mann, der da vor ihnen steht. Sie retten ihm damit das Leben.

Knapp 70 Jahre später begleitet Lisa, Paulas Enkelin, ihre Oma zu jeder Gedenkveranstaltung und organisiert Auftritte als Zeitzeugin in der Linzer Schule, in der sie unterrichtet. Als bei Paula die ersten Anzeichen von Demenz auftreten, stellt sich nicht nur Lisa die Frage, wie in Zukunft erinnert werden soll, wenn Paula das nicht mehr kann.
Lisas Vater, Vizebürgermeister der Gemeinde, ist sowieso der Meinung, es wär schon genug, ganz im Gegensatz zu Lisas Bruder Jakob, der versucht, mit politischen Aktionen die Errichtung eines Mahnmals zu erreichen. Paulas Mann zieht sich nach der Diagnose immer mehr zurück, und so bleibt es an den Frauen der Familie, an Paulas Tochter, die Familie zusammenzuhalten und an Paulas Enkelin Lisa, für ein Fortleben des Gedenkens zu sorgen. Doch Lisa erwartet ein Kind, einen Vater dazu gibt es in ihrem Leben nicht.

Anna Silber hat für ihren Roman, wie sie in Petra Hartliebs Podcast „Besser lesen mit dem Falter“ erzählt, mehr als notwendig recherchiert. Dem widerspricht Petra, denn ein zu viel an Recherche gäbe es hier nicht. Deutlich ist die den Roman umschließende Dichte lesbar, das feste Fundament. Auch, wenn das Erinnern an den Schrecken am Anfang steht, so ist in Anna Silbers Buch vor allem eines zentral: die unerschütterliche Liebe zwischen Enkelin und Großmutter.

„Wie die Hasen“ ist ein Familienroman, ein Erinnerungsroman und vor allem auch die sensible und kluge Auserzählung der Frage nach Verantwortung und Perspektive unserer Erinnerungskultur. Ein Buch, das trotz der schweren eröffnenden Themen das Herz berührt und im Zusammenhalt der Generationen ein Zuhause findet.

Wie die Hasen

von Anna Silber

Picus Verlag

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