Haltet Euch fest

HALTET EUCH FEST

von Mareike Fallwickl

Die erste Frage, die sich mir beim Lesen stellt, ist, was wir sein wollen, und dann, gleich darauf, was wir sein können. Wenn du Mareike Fallwickls Bücher liest, kannst du dich schon mal darauf einstellen, dass das nicht die einzigen Fragen bleiben werden, die sich dir beim Lesen stellen.

Da ist das Haus. Darin gibt es Geister, da gibt es Menschen, die füreinander da sind, da gibt es mehrere Papas und mehrere Mamas und da gibt es natürlich auch Angst, Ärger und Wut. Viele Kinder sind da und es gibt viel Liebe, viel aufeinander schauen und viel Chaos, Spaß und wildes Vertrauen. Und es gibt die Menschen rundherum.

Solche Nachbarn hat es überall gegeben, die ein bissl anders waren, die das Leben ein bissl anders gemacht haben, als die, die von sich als „wir“ und „man“ reden. Solche, über die man gesagt hat, „Pass auf, die sind nicht ganz Ding“.

Luzia wächst in genau so einem Haus auf, das Erdgeschoß ist ganz offen, zwei Tische, eine Küche, eine Kuschelecke, genug Platz gibt es da und im ersten Stock mehrere Zimmer zum Schlafen und alle passen auf alle auf. Sicher klingt das utopisch und zu schön um wahr zu sein, aber da gibt es auch Frieda, die das Haus aufgebaut hat, weil sie weg wollte von einem prügelnden Mann, Frieda, die langsam aber sicher älter wird. Und da gibt es Marle, Luzias beste Freundin, die eigentlich schon ein eigenes Zimmer hat in dem Haus aber sie will das noch nicht aufgeben, das mit Mann, Kind, Hund, etc. obwohl ein Date nach dem anderen schief geht, richtig schief geht.

(c) Rowohlt Verlag

Da gibt es Paul und Jerome, die sich nach Jeromes Scheidung kennen und lieben gelernt haben, die in den 90ern darum kämpfen mussten, dass Jerome seine Kinder sehen darf. Warum? Weil er sich zu seiner Liebe zu Paul bekannt und im Haus mit ihm eine Heimat gefunden hat.

Mareike Fallwickl erzählt. Sie erzählt sehr bodenständig und echt und ruhig. Sie erzählt Alltägliches, wie das Aufwachsen von Kindern, von Antonia, die nur mit einer Mama aufwächst, von Luzia, die mit mehreren Mamas und Papas aufwächst. Sie erzählt Normales, was wir für normal halten und was normal sein könnte. Und da fragst du dich das erste Mal, ja, warum eigentlich nicht? Warum halten wir das für normal und das nicht und warum glauben wir, dass das da, schlecht ist?

Sie erzählt vom langen Weg, den wir schon gegangen sind und den Gespenstern am Weg, die eine Heimat brauchen. Sie erzählt vom langen Weg, der noch vor uns liegt und denen, die wir auf diesem Weg vielleicht begleiten dürfen. Sie erzählt von einem möglichen Miteinander.

Mareike Fallwickl erzählt die Idee Hoffnung, und dass ihre Verwirklichung so, so nah liegt, kannst du in jedem Satz und in jedem Wort spüren. Manchmal facht das die Wut neu an. Und ganz, ganz oft, gibt „Haltet euch fest“ wieder Kraft, Hoffnung, Inspiration und die Möglichkeit sich an einem Buch und im besten Fall aneinander festzuhalten. Was ist wichtig? Partnerschaft, Freundinnenschaft und Miteinander. Aber darüber hinaus? Solche Bücher, solche Worte, Texte und Bilder im Kopf, die dir klar und deutlich vor Augen führen, wo das Zentrum unserer Leben liegt. „Haltet euch fest“ ist eines jener seltenen Bücher, die dich dran erinnern, was zu tun ist, wenn es wild wird, was zu tun ist, wenn wir bedürftig sind, was zu tun ist, wenn wir uns untereinander brauchen. Die uns dran erinnern, was wir immer und immer wieder tun können, um das Leben und die Welt einfach nur ein kleines Stückchen erträglicher, vielleicht stabiler und vielleicht besser zu machen. Was alles möglich ist. JK

Haltet euch fest

von Mareike Fallwickl

Rowohlt Verlag

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