Evelyn empfiehlt – Komm Spielen

Evelyn empfiehlt:
Komm Spielen

Lindwood Barclay, atb Verlag

Als jemand, die ein großes Faible für unheimliche Geschichten hat, fasziniert mich ein Motiv im Genre ganz besonders: die vermeintliche Kleinstadt-Idylle, die sich als tödliche Falle entpuppt. Wenn Menschen der Anonymität und dem Trubel einer Metropole wie New York entfliehen, um in einer dörflichen Gemeinschaft Schutz zu suchen, weiß man als Genre-Fan genau: Das vermeintliche Paradies hat oft die düstersten Geheimnisse. Genau mit diesem Kontrast spielt Linwood Barclay in „Komm spielen“ meisterhaft – und führt uns gekonnt in die Irre.

Die Geschichte entfaltet sich über weite Strecken in zwei komplett getrennten Handlungssträngen. Auf der einen Seite lernen wir Annie Blunt und ihren Sohn Charlie kennen. Annie ist nach dem Verlust ihres Mannes und geplagt von Schuldgefühlen eine Frau am absoluten Nullpunkt. Im beschaulichen Castle Creek sucht sie eine Atempause und hofft, ihre schlafende Kreativität wieder zu erwecken. Für Sohn Charlie entpuppt sich das Ferienhaus und der zugehörige Garten als Spielparadies, und er fängt nach dem Verlust seines Vaters wieder an, etwas aufzublühen. Doch schnell entpuppt sich diese Atempause als trügerisch. Seltsame Dinge passieren und steigern sich so weit, bis Annie aus Sorge um Charlies und ihr eigenes Wohlergehen die Zelte abbrechen will. Sie ahnt nicht, dass hier im Hintergrund größere Mächte am Werk sind, die ihr nicht wohlgesonnen sind.

Parallel dazu läuft der Strang um Polizeichef Harry Cook im Nachbarort Lucknow, wo die Idylle bereits komplett aus den Fugen geraten ist. Eigentlich besteht sein Berufsalltag hier aus den üblichen, überschaubaren Delikten: mal eine Trunkenheitsfahrt, eine Schlägerei oder kleinere Verkehrsübertretungen – das ganz normale Kleinstadtleben eben. Doch plötzlich brechen Fälle über den Ort herein, die so gar nicht in diese Welt passen wollen: Menschen verschwinden spurlos, eine grausam zugerichtete Leiche wird gefunden. Es kommt immer wieder zu mysteriösen Unfällen oder Taten, die scheinbar keine Gemeinsamkeiten aufweisen. Das Misstrauen des Polizisten richtet sich schnell gegen einen mysteriösen Neuankömmling.

Was mich an der Konstruktion dieses Thrillers so fasziniert hat, ist das perfide Spiel mit der Wahrnehmung. Barclay lässt diese beiden Welten lange Zeit völlig isoliert nebeneinander herlaufen. Man versucht als Leserin unweigerlich, die Fäden im Kopf selbst zusammenzufügen, fragt sich, wie und wann diese Schicksale kollidieren werden, und sucht nach Verbindungen. Doch der Autor baut geschickt falsche Fährten ein und legt die Karten erst ganz am Ende auf den Tisch. Erst im packenden Finale klärt sich das clevere Gesamtbild auf – ein echter Aha-Effekt, der völlig unerwartet über einen hereinbricht und das zuvor Gelesene noch einmal in einem ganz anderen, weitaus unheimlicheren Licht erscheinen lässt.

„Komm spielen“ ist für mich ein außergewöhnlich fesselnder, klug konstruierter Thriller. Er baut eine unbarmherzige Spannung einer unheimlichen Kleinstadt-Geschichte auf, deren volles Ausmaß an Grauen sich erst auf den allerletzten Seiten offenbart.

Komm Spielen

von Linwood Barclay

atb Verlag

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