Evelyn empfiehlt – John of John

Evelyn empfiehlt:
John of John

Douglas Stuart, Hanser Berlin Verlag

Douglas Stuart hat eine ganz besondere Begabung: Er schafft es wie kaum ein anderer Autor, eine Atmosphäre zu kreieren, die einen emotional völlig einnimmt. Da ich seinen Debütroman „Shuggie Bain“ damals schon regelrecht verschlungen habe, waren meine Erwartungen an sein neues Werk riesig – und sie wurden nicht enttäuscht. Nach meinem Ausflug zu den humorvollen Schaf-Ermittlungen auf irischen Weiden ging es mit „John of John“ direkt weiter auf die rauen Hebriden, und dieser Wechsel hätte kaum kontrastreicher sein können. Stuart nimmt uns mit in ein karges, windgepeitschtes Setting, in dem Wolle und Schafzucht nicht für Cosy Crime stehen, sondern für harte Arbeit, Tradition und erdrückende Enge.

Was mich an diesem Roman ab der ersten Seite absolut fasziniert hat, ist die spürbare Beklemmung und gleichzeitig die enorme menschliche Wärme, die Stuart in seinen Figuren verankert. Der Junge Cal ist nach dem Studium in Edinburgh geblieben, scheitert allerdings an der schwierigen wirtschaftlichen Lage. Mittels einer Lüge wird er vom Vater auf die Heimatinsel zurückbeordert, zurück in ein Leben zwischen Webstuhl und Schafzucht, bestimmt von der presbyterianischen Strenge des Vaters. Besonders stark fand ich die Darstellung dieser extrem zwiespältigen Vater-Sohn-

Beziehung: Cal liebt die Hingabe, mit der sein Vater das Tweed-Weben beherrscht, doch die fundamentale Härte des Vaters lässt keinen Raum für Cals wahres Ich. Dass bereits lange Haare als Sünde gelten, zeigt eindringlich, warum Cal seine Homosexualität und die Sehnsucht nach einem Partner wie ein Staatsgeheimnis hüten muss.

Für mich liegt die größte Stärke des Buches in diesen leisen, aber hochemotionalen Zwischenmenschlichkeiten. Das Zusammenspiel aus verheimlichten Wünschen, Cals Suche nach Nähe – ausgerechnet bei Innes, dem sanften besten Freund des Vaters – und der ständigen Angst vor Entdeckung erzeugt eine unglaubliche innere Spannung. Stuart verwebt das traditionelle Handwerk der Stoffherstellung so bildhaft mit den verdeckten Emotionen der Figuren, dass man den Wind der Hebriden beim Lesen fast im Gesicht spürt.

„John of John“ war für mich ein intensiv berührendes Leseerlebnis. Ein meisterhaft geschriebener Roman über Verpflichtung, Scham und den Mut, zu sich selbst zu stehen, der noch lange nach dem Zuklappen in mir nachhallt.

John of John

von Douglas Stuart

Hanser Berlin

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