Die Schönheit und Eleganz der Vertretung

Die Schönheit und Eleganz der Vertretung

Bettina Wagner ist Verlagsvertreterin, ihr Job ist es, Schnittstelle zwischen Verlag und Buchhandlung zu sein; ihre Schäfchen zu kennen und zu informieren, wen es angehen, wen es interessieren oder wer als Kundin oder Kunde infrage kommen könnte, für dieses, jenes oder das andere Buch die perfekte Buchhandlung zu finden. Die Arbeit von Verlagsvertreterinnen ist handgemachtes, exaktes Zielgruppenmarketing, im besten Fall.
Bettina macht das, Martina Pferscher, Birgit Raab, Christoph Reisenauer, Alexander Lippmann, Horst Bayer, Stefan Stöhr, Erich Neuhold, Marlene Pobegen, Anna Güll, Renate Fladischer, Andreas Thaler, Bernhard Spiessberger, Nina Monschein, Uli Raifer, Ulf Moser, Thomas Schimatowitsch, Martin Schlieber und viele andere mehr machen das.

Jeder hat sein Packerl an Verlagen, deren Kataloge vorab an die Buchhandlungen geschickt werden; ein Bündel an Katalogen, das wir in der Buchhandlung ordnen, durcharbeiten, besprechen und dann bei einem Termin oder telefonisch besprechen und daraus ausgewählte Titel für die Buchhandlung bestellen. Manche Termine dauern zwei Stunden, manche zweieinhalb, manche sind in 30 Minuten erledigt.

Manche Vertreterinnen bringen Schokolade mit, manche Wein, manche Vorabexemplare der zentralen Titel ihres Programms oder ein schönes Stoffsackerl, manche sich selbst und ihr Lachen, im besten Fall.

Manche Vertreterinnen bringen einen Zettel, auf dem die Absatzstatistiken der Buchhandlung stehen, andere nicht, das ist wurscht, es geht um die Bücher und um die Geschichten. Ein Vertreter hat schon Bücher für uns ausgeliefert, ein anderer hat einen 103-jährigen Holocaust-Überlebenden mit seinem Auto für eine Lesung in die Buchhandlung gebracht (ihr erinnert euch vielleicht an die großartige Veranstaltung mit dem unglaublichen Marco Feingold in den Seeseiten).

Einige Vertreterinnen kommen früher während ihrer Reise, andere später, einige bereisen ganz Österreich – Bettina zum Beispiel für den Diogenes Verlag – andere Wien, Niederösterreich und das Burgenland, vielleicht auch noch die Steiermark, wenn es sich ausgeht. Mit der oder dem einen oder anderen gibt es nur Telefontermine. (Ein Vertreter, der nun schon lange außer Dienst ist, hat die Inhaltsangaben all seiner Titel auswendig gelernt, indem er sie sich auf Band sprechen ließ; und wenn du nicht aufgepasst hast, hast du alles vorgetragen bekommen wie auf der Bühne. Wenn du zwischendrin im Katalog weitergeblättert hast, hat das oft für Verwirrung gesorgt.)

Die wahre Arbeit findet aber vor den Buchhandlungsbesuchen statt. Die Vertreterinnen und Vertreter treffen sich online oder im Verlag und reden mit, was Covergestaltung oder Marketing- und Veranstaltungsoffensiven angeht. Für die Buchhändlerinnen fungieren sie als Sprachrohr und als Hilfe bei der Vorauswahl oder als Boten. Wenn wir jetzt mythologisch werden wollen, sind sie Hugin und Munin oder Ratatöskr, das ist vielleicht etwas pathetisch, aber nicht unpassend. Sie hören sich um, erzählen im Verlag, was sie vonseiten der Buchhändlerinnen vernehmen, und tragen Nachrichten von der einen Seite zur anderen. Sie nehmen auf, wer mit wem eine Veranstaltung machen will, welcher Autor, welche Autorin schwierig ist im Umgang und wer umgänglich.

Renate Fladischers Einwirken ist es zum Beispiel zu verdanken, dass uns die großartige Margit Auer in der Seestadt besucht hat. Das war außergewöhnlich!
Was waren die großen Umsatzbringer, was die Ausreißer und gibt es Probleme? Und worauf setzen Marketingabteilung und Vertrieb ihr Geld? Welche Titel werden besonders beworben, warum und über welche Kanäle? Was Christoph, Bettina, Renate, Uli, Anna tun, ist, zu bewerten, vorabzulesen, zuzuordnen, zuzuhören und zu reden. Die Vertreterinnen machen das, was die Buchhändlerinnen auch tun:  Sie lesen. Bevor das Buch erscheint, bevor die Titel erscheinen, ja, sogar oft, bevor sie angekündigt sind.


Wenn du als Buchhändlerin vorbereitet bist, ist ein Termin trotzdem unumgänglich. Die Vertreterinnen wissen, was du wissen musst, und filtrieren den Wissens- und Geschichtenstrom, der aus den Verlagen stetig auf uns herabregnet; sie merken und notieren sich, was dir gefallen hat, was du gut verkauft hast, im besten Fall, und stellen dir Informationen zur Verfügung, damit dir die Auswahl des nächsten Sortiments ebenso gut gelingt.

Die Vertretertermine sind aber auch dazu da, um für Titel, die sich nicht (so gut) verkauft haben wie erwartet, um Rücksende- oder, wie es fachlich richtig heißt, Remissionsgenehmigung anzufragen; am besten ohne Gebühr.

Die ganze Buchhandlung wird, mit Listen in den Händen, durchsucht und ausgekämmt und alles, was älter als ein halbes Jahr ist, kritisch beäugt. Das können vielgeliebte Titel sein, doch wenn sie am Regal kleben, kleben sie, und die neuen Titel warten schon. Die Remissionen sind auch insofern wichtig, als dass die Gutschriften für die bereits bezahlten, aber nicht verkauften Titel über die umsatzschwachen Monate am Jahresanfang hinweghelfen können. Die Kosten sinken nicht, im Gegenteil, und so ist die ruhige Zeit am Anfang des Jahres reserviert für eine Sortimentsbereinigung und Gespräche, für Planung und Überraschungen. Denn überraschen können sie. Mit neuen Büchern, neuen Formaten und zwischendrin mit Schätzen.
Uli Raifer hat uns bei seinem letzten Sommertermin den neuen Elsberg („Eden – Wenn das Sterben beginnt“) vorgestellt und ich habe gewusst: Dazu brauchen wir eine Lesung, unbedingt!

Nina Monschein, die heuer ihr erstes Jahr als eigenständige Vertreterin unterwegs ist, hat uns das neue Buch von Liz Moore („Der andere Arthur“ ; siehe auch: „Der Gott des Waldes“) mitgebracht (aber nicht nur das) und hat mir die Auswahl (oder das Neinsagen) so schwer gemacht wie schon lange nicht mehr.

Martina Pferscher schickt die neue Poznanski digital („Das Signal“) und die neue Sargnagel („Opernball“).

Christoph Reisenauer hat für die erste Überraschung 2026 gesorgt. Sein Mailing zu den neuen Titeln vor und zwischen den Jahreszeiten, also den Titeln, die zwischen seinen Besuchen erscheinen oder noch Hilfe brauchen beim In-die-Buchhandlungen-Kommen, hat ein Buch enthalten, das mich fasziniert hat: Christoph Bezemek veröffentlicht im Manz Verlag einen Titel, in dem verschiedenste Artikel und Absätze der österreichischen Bundesverfassung literarisch und juristisch erzählt werden.

Bettina erzählt mir so nebenbei, dass es einen neuen Joey Goebel geben wird („Sunset Flip“) und einen neuen Luca Ventura („Giftige Blüten“) und einen neuen Marco Balzano („Bambino“) und einen Roman über Sally Hemings!

Verlagsvertreterinnen haben ihre Termine im Kopf, kennen ihre Pappenheimer und ihre Bücher in- und auswendig und wissen, wer was braucht und wann, im besten Fall.

Verlagsvertreterinnen sind Buchhändlerinnen ohne Buchhandlung, wie Bettina jetzt; mit dem Unterschied, dass sie in jeder Buchhandlung willkommen sind, egal ob mit oder ohne Schokolade. Sie bringen Neuigkeiten, sie sind die Boten. Was sie machen, lässt sich nicht prompten, programmieren oder auslagern. In ihren Taschen stecken neue Geschichten und neue Bücher, Überraschung, Spannung, Tratsch, Gefühl, aufgeteilt in ganz viele Buchstaben, sortiert nach jahrelangem Wissen. Da ist Geflüstertes, Geheimes, Besungenes, zu Grabe Getragenes und Auferstandenes. Das sind News und Olds, Anrufe zwischendrin und Mails, wenn es gar nicht anders geht. „Lies da noch weiter!“, sagen sie, „Da kommt noch was!“, oder: „Leg das weg, das brauchst du nicht!“ und: „Nimm das stattdessen!“ Und du glaubst ihnen.

Bettina ist jetzt nur noch Verlagsvertreterin, aber das stimmt so nicht, finde ich. Für uns wird sie immer Buchhändlerin bleiben, die Seeseiten stehen ihr offen, Tag und Nacht. Dass sie jetzt „nur noch“ Verlagsvertreterin ist, wäre eine fahrlässige und grobe Untertreibung, denn was sie weiß, was sie getan hat, wirkt nach. Hoffentlich lange. Wir geben unser Bestes, dass wir, dass die Seeseiten dem gerecht bleiben und mit jedem ihrer Besuche aufs Neue wieder gerecht werden. Danke, Bettina!


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