Expedition in die Grüne Schatzkammer
Evelyn Eggerstorfer

Wer war noch nicht in Schönbrunn, im Zoo, im Schloss, im Park, am Weihnachtsmarkt? Viele haben sicher auch schon das Palmen- oder das Wüstenhaus besucht und sich von der Architektur und den Pflanzen beeindrucken lassen.
Doch wer weiß, dass diese Pflanzen einen ganz besonderen Schatz darstellen? Und dass im Palmenhaus nur ein Bruchteil der Sammlung gezeigt wird? Die botanische Sammlung zählt heute noch aufgrund der Vielfalt und des Pflegezustandes zu den bedeutendsten Sammlungen Europas.
Jetzt bin ich in der glücklichen Position mit einem der dort beschäftigen Gärtner verwandt zu sein. Mein Bruder Manfred ist bereits seit über 25 Jahren in der botanischen Sammlung tätig und hat als Hobby-Historiker so einige Geschichten zu erzählen.
Von Zeit zu Zeit besuche ich ihn und lasse mich durch die Glashäuser führen. Und auch wenn ich seinen Vortrag schon einige Male gehört habe und alles eigentlich schon kenne, bin ich jedes Mal aufs Neue fasziniert und kann mich dem Zauber dieses Dschungels nicht entziehen.
So zum Beispiel die Geschichte der „alten Dame von Schönbrunn“ (Fockea capensis) – die Ende des 18. Jahrhunderts nach Wien kam und lange Zeit als letzte ihrer Art galt und sogar als Attraktion bei der Pariser Weltausstellung im Jahr 1900 präsentiert wurde. Wenige Jahre später wurden weitere Exemplare entdeckt. Das tat ihrem besonderen Status aber keinen Abbruch. Sie hat eine mehrwöchige Überfahrt über See, mehrere Kriege und die Reise zu einer Weltausstellung überlebt. Sie wird auf ein Alter von etwa 500 Jahren geschätzt und ist damit die älteste sukkulente Topfpflanze der Welt.







Wo mein Herz aber so richtig höher schlägt ist in der Bibliothek – klar, als Büchermensch kann es gar nicht anders sein.
Historische Bibliotheken hatten oft repräsentative Funktionen. Bücher waren teuer. Nur wer Einfluss und Geld hatte konnte sich einen kompletten Raum mit hunderten oder gar tausenden von Büchern leisten.
Nicht so hier bei den Gärtnern von Schönbrunn. Hier handelt es sich um eine Fachbibliothek. Viele der Pflanzen die hierher kamen, waren unbekannt und mussten erst erfasst und beschrieben werden. Die Habsburger finanzierten einige Expeditionen in alle Welt um exotische unbekannte Pflanzen zu sammeln. Diese wurden dann von Botanikern untersucht, bestimmt und in Büchern erfasst.
Wunderbare handkolorierte botanische Illustrationen befinden sich immer noch in den Schränken der Bibliothek. Jahrhunderte alt, teilweise mit handschriftlichen Notizen, gepressten Blumen, Lesebändchen. Immer wieder stößt die hauseigene Historikerin auf Hinterlassenschaften der bereits lange verstorbenen Gärtner.
Eine weitere Besonderheit ist das umfangreiche Planarchiv. Hier werden die alten Zeichnungen der Gartenanlagen aufbewahrt. Historisch sind sie natürlich von unschätzbarem Wert. Mich beeindrucken sie allerdings mit ihrer Schönheit. Wenn man sie ansieht, bleibt einem tatsächlich vor Ehrfurcht die Luft weg.
Besagte Gartenhistorikerin – Claudia Gröschel – hat nun zum 450-jährigen Bestehen der botanischen Sammlung ein Buch geschrieben. Bisher gab es nichts Vergleichbares.







Es ist tatsächlich das erste Buch, dass sich ausschließlich mit der Geschichte dieser Sammlung beschäftigt. Auf 300 Seiten geht Claudia Gröschel ausführlich auf die Entstehung und Geschichte ein. Hebt Besondere Menschen heraus. Führt durch die Jahrhunderte und Weltereignisse. Bis in die heutige Zeit. Eine besondere Freude ist es die Seiten durchzublättern – An Abbildungen und Fotos wurde wirklich nicht gespart. Viele historische Zeichnungen aber auch aktuelle Pflanzenaufnahmen findet hier ihren gebührenden Platz.
Ein wahres Schmuckstück und ein absolutes Muss für historisch interessierte Pflanzenfans!
Fotos: (c) Daniel Eggerstorfer, Expeditionsleitung & Text: Evelyn Eggerstorfer
Claudia Gröschel
„Die grüne Schatzkammer – Sammelleidenschaft, Forschergeist, Artenschutz“
Christian Brandstätter Vlg. – 978-3-7106-0848-3