Johannes empfiehlt – Die unbekannte Sally Hemings

Johannes empfiehlt:
Die unbekannte Sally Hemings

Barbara Chase-Riboud, übersetzt von Werner Peterich
Diogenes Verlag

„Land of the Free“ stimmt nicht für die Geschichte der USA, wenn schon Generalisierung, dann so. Sogar die positive Konnotation dieser Bezeichnung hält einer genaueren Betrachtung nicht stand.

Von Sally Hemings hatte ich vor meiner Entdeckung der Neuauflage des biografischen Romans von Barbara Chase-Riboud noch nie gehört. Kein Wunder, wurden ihre Existenz und ihre Beziehung zum dritten Präsidenten der USA, Thomas Jefferson, doch jahrelang verleugnet, versteckt und aus der Lesung der US-Geschichte und der Biografie des Mitverfassers der Unabhängigkeitserklärung gelöscht.

Den weiteren Text trenne ich in eine zu kurze Einführung und einen (wahrscheinlich) zu langen Text zum Buch, bitte lest den einen oder den anderen oder beide, wie ihr wollt, dass das so lang wird, zeigt nur, wie sehr mich dieses Buch fesselt und fasziniert.

Zur Einführung, und derer bedarf es zumindest ansatzweise: Sarah Hemings, die, wenn ich das richtig gelesen habe, Jeffersons angeheiratete (?) Nichte war (ihre Mutter war die Halbschwester von Jeffersons verstorbener Frau, bitte lasst mich gern wissen, wie man das genau in Graden ausdrückt), wuchs als Zofe und Gesellschafterin von Jeffersons Töchtern auf, vor allem aber als deren Sklavin. Schon ihre Mutter (und mit ihr natürlich ihre Kinder, das Unrecht war hier so perfide, dass Besitz, also, ob jemand Grund oder ein Haus besitzt, zwar

patrilinear, die Freiheit oder der Stand eines Menschen, sprich, ob er oder sie der Besitz von jemandem war, aber matrilinear weitergegeben wurde) war in den Besitz der Jeffersons übergegangen und es hat einige Zeit gebraucht, bis dieses Konzept auch nur im Ansatz in seiner ganzen Unmenschlichkeit, Verrücktheit und Grausamkeit in meinem Kopf angekommen ist, und wenn man es sich einfach machen will, kann man sagen, Sally Hemings hat das Schicksal ihrer Mutter wiederholt, deren Beziehung mit ihrem „Master“, nicht, wie von ihr erhofft, in ihrer Freiheit, sondern darin gemündet hat, dass sie sich als Sklavin bis zu deren Tod um Jeffersons sterbende Frau gekümmert hat.

Die Autorin von „Die unbekannte Sally Hemings“, Barbara Chase-Riboud, hat vieles gemacht, aber „es sich einfach“ sicher nicht. Ihr bereits vor über 40 Jahren erstmals auf Deutsch bei Hoffmann & Campe erschienener und jetzt bei Diogenes neu aufgelegter biografischer Roman ist ein so vielschichtiges Kunstwerk, dass ich mir schwertue, eine adäquate literarische Referenz für die Erzählkunst der Autorin zu finden. Kurz musste ich an Zweig denken, aber bei näherer Betrachtung wüsste ich nicht, woran ich das festmachen könnte. Weder Thema noch Sprache bilden belastbare Berührungspunkte. Einzig die faktischen Grundlagen des Romans und deren belletristische Verarbeitung scheinen genug Material für eine Verbindung herzugeben, aber auch hier geht Chase-Riboud anders damit um als Zweig.

Die zahlreichen Briefwechsel und Schriften Jeffersons und seiner Zeitgenossinnen und -genossen werden von der Autorin deutlich sichtbar gemacht und historisch-biografisch verortet, und dienen so der Erzählung des Lebens von Sally Hemings als stabiler Rahmen. Ihr selbst wurde, wie oben schon geschrieben, viele Jahre eine eigene Lebenserzählung verwehrt, ja, sie wurde sogar verwischt und gelöscht. Insofern ist es meiner Meinung nach nicht nur Recht, sondern Statement, dass die zuvor genannten nun der Erzählung von Sally Hemings Leben dienen.

So ist ziemlich am Anfang des Buches ein Schreiben Jeffersons zu lesen, in dem er erklärt, wie sich ein Mensch – wenn ich das richtig erinnere – fortzupflanzen habe, so dass er nicht mehr Sklave und somit als weiß und damit frei gilt. Die darin bemühten „mathematischen“ Formulierungen sind so abstrus und abartig, dass allein die Erkenntnis, dass ihr Verfasser darin Logik gesehen oder zu etablieren versucht hat, mich sprachlos zurücklässt (eine offensichtliche Lüge, wenn ich die Zahl der Wörter über und unter diesem Absatz betrachte). 

Sally Hemings Geschichte gibt dabei so viel her, dass wir in dieser Form und als Ganzes noch nie gesehen, noch nicht erfahren oder erlesen haben, dass eine Beschäftigung eben auch mit diesen, der österreichischen und europäischen Geschichte absolut nicht fremden, in ihrer Natur abgrundtief boshaften Absurditäten, meiner Meinung nach, Pflicht ist.

Zum Buch: Eingebettet, wie eben geschrieben, in die erhaltenen Zitate und Schriften (und allein, dass diese Schriften erhalten geblieben und hier lesbar sind, ist schon ein bedeutsames Statement) von Thomas Jefferson und seinen Zeitgenossinnen und -genossen, erzählt die Autorin das Leben einer Sklavin, die in Virgina auf der Plantage und als Besitz der Jeffersons aufwächst. Sie ist Zofe und Gesellschafterin der Töchter von Thomas Jefferson, wie auch ihr älterer Bruder, und damit Haussklavin. Als solche wird sie der jüngsten Tochter Jeffersons, Polly, als Begleitung mitgegeben, als diese ihrem Vater und ihrer älteren Schwester nach Paris folgen soll. Sie ist damit zur selben Zeit in Paris wie die Österreicherin Marie Antoinette. Was dann passiert ist, wissen wir. Was die Geschichte der Sally Hemings angeht, wusste ich vieles noch nicht. Jefferson verfällt seiner damals fünfzehnjährigen Sklavin, die seiner verstorbenen Frau so ähnlich sieht, und selbst hier nimmt sich Barbara Chase-Riboud Zeit, um diese zweifellos missbräuchliche Beziehung in jeder Facette reflektiert zu erzählen.

Die Erzählung selbst folgt auf den Besuch eines Census-Beamten bei der über fünfzigjährigen Sally Hemings, die mit ihren beiden Söhnen, als „freie Menschen“ wieder auf Monticello, der Plantage der Jeffersons lebt. Was es bedeutet, in den Südstaaten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts als freie Sklavin zu leben, ist ein eigener Gedankengang, dem wir während der ersten Kapitel folgen dürfen. Dem Census-Beamten und seiner Faszination für die legendäre Sally Hemings dürfen wir längere Zeit folgen, allein Hemings verweist ihn nach einigen durchaus freundschaftlichen Treffen ihres Heims. Ihre Tagebücher verbrennt Sally Hemings daraufhin selbst, und so wechselt die Erzählung für uns scheinbar mühelos zwischen der biografischen und der autobiografischen Perspektive. Dieser Roman ist so zeitlos faszinierend, weil die Autorin mit großer Erzählkunst preisgibt, wie differenziert, vielschichtig und multiperspektivisch Geschichte ist, das Leben immer ist. Wie wenig generalisierte Statements greifen und funktionieren. Es ist eine beeindruckend berührende Lebensgeschichte, wie auch ein Zeitdokument über das Leben einer unsichtbar gemachten Frau. Barbara Chase-Ribouds Buch fasziniert als historisch-biografischer, als Bildungsroman und als Tor zu mehr menschlichem und geschichtlichem Verständnis. Das ist ein Lebenswerk, das mehr als lesenswert ist, ein Buch unter vielen, das hervorsticht.

Die unbekannte Sally Hemmings

von Barbara Chase-Riboud

Diogenes Verlag

Du willst nichts mehr verpassen? Dann melde dich doch für unseren Newsletter an!