In kleinem Kreis
Der Unterhaltungs-Literatur-LeseKreis hat zum ersten Mal getagt, gepflegt und manierlich haben wir uns mit zwei Lieblings-Büchern beschäftigt.
Für nicht Germanistinnen ist der Unterschied schwer zu verstehen, für Buchhändlerinnen auch. Maria könnte es euch wahrscheinlich erklären, mir persönlich fehlt da der fachliche Unterbau, um ernsthaft Bewertungen aussprechen zu können, ob etwas Unterhaltungsliteratur ist oder nicht und wenn nicht, was es dann ist und warum das überhaupt wichtig ist.
Spaß gemacht hat uns die Diskussion zu Lukas Matzingers und Olivia Wimmers „Ohne Kalaschnikow schlaf ich schlecht“ (Zsolnay) und Cornelia Travniceks „Ich erzähle von meinen Beinen“ (Picus) ohne Zweifel. Viele waren nicht da, aber die die da waren, kriegen ein Extra-Sternderl für Anwesenheit unter Extrembedingungen (Man könnte ja auch a) auf den Malediven/b) beim Wandern/c) in der Strandbar sein). Am Anfang stand die Frage, warum überhaupt ein Extra-Lesekreis gegründet wird, wenns eh schon einen gibt: a) weil man ihn ULLK nennen kann und b) weil wir da auch Krimis lesen dürfen, wenns Unterhaltungsliteratur ist.
Kurz zum Inhalt: Die Frau Wimmer und der Matzinger sind ihres Zeichens Foto- und Journalist*in und sind mit einem 40 Jahre alten VW-Bus von Wien nach Floridsdorf und dann weiter nach China gefahren. Mit so gut wie keiner Scheu vor persönlichem Kontakt haben sie unglaubliche Gastfreundschaft (außer in China), unglaubliche Turbulenzen und unglaubliche Begegnungen erlebt.

Die Kritikpunkte: Die sind schnell erzählt: Erstens hat einigen Leserinnen und Lesern des Kreises die persönliche emotionale Lagebeschreibung gefehlt, weil, es ist schwer vorstellbar, dass man 35000 KM mit dem VW-Bus fährt und immer entspannt ist, wobei mir persönlich das nicht so vorgekommen ist, der Ton ist aber immer sehr professionell und das kann natürlich über Instabilitäten hinwegtäuschen.
Zweitens haben sich viele von den Kolleginnen Leserinnen mehr Text von der Frau Wimmer gewünscht und, meiner Meinung nach ganz richtig angeprangert, dass ihr Name da nicht mit auf dem Cover war, wobei wir nicht wissen, warum.
Was uns Spaß gemacht hat: Alle miteinander durch die Bank und die Schaukelsessel haben super gefunden, dass den Autorinnen ein absolut untypischer, journalistisch erzählter Reiseroman gelungen ist, was bitte was ganz anderes ist, als ein Reisebericht, weil mehr Farbe. Die Eindrücke, die Erlebnisse, der Mut von Oliva und Lexus (danke China) und ihr Humor reißen dich geradezu durch das Buch. Die unkonventionelle und schwer in Worte zu fassende Reihung der erzählten Erlebnisse, das Drama und die Menschen, die wir kennenlernen fesseln ohne Unterlass, der Schmäh, mit dem Lukas die eigenen Eindrücke und Ideen schildert sind einzigartig, so einig waren wir uns alle. Eine Erzählung, die eine solche Offenheit und solchen Mut zum Kennenlernen transportiert, in einer Zeit, wo eines der wenigen durchgängigen Themen steigende Angst und steigender Hass ist, ist nicht nur ein Lesen sondern auch Weiterempfehlen wert. Zusammenfassend ist zu sagen, dass man sich über dieses Buch gar nicht genug freuen kann und wir bitte mehr davon wollen. Bitte folgt außerdem den Social-Media-Aktivitäten der beiden, hier hat jemand Diversifikation verstanden. Fazit: Grandioses Buch, grandiose Reise, grandios erzählt! „Ohne Kalaschnikow“ ist so das letzte kritische Statement, als Titel möglicherweise etwas reißerisch, dem entgegenzusetzen ist, wie sehr das Buch mitreißt.


Ein vollkommen anderes Thema, ob es ernster ist oder nicht, ist schwer zu sagen und hängt von der Perspektive ab, ist das neue Buch der niederösterreichischen Bestsellerautorin Cornelia Travnicek „Ich erzähle von meinen Beinen“.
Evelyns Eindrücke zum Buch und einen inhaltlichen Überblick findet ihr HIER. Der kritische Blick auf die Beine sagt, es war zu wenig Drama und es war zu viel Drama und was ist dann eigentlich mit der Tochter?
Alles andere ist, hingegen, äußerst positiv aufgefallen: Wally schafft Verständnis und Einblick und viele, viele Leserinnen und Leser fragen, ob die Autorin bei ihnen zu Hause eine Kamera versteckt hat. Das spricht für das Potential des Buches, Einsicht in den Köpfen zu erschaffen, und dafür, dass die Autorin in ihrem Buch für die oft verbrämte Diagnose ADHS oder Spektrum Verständnis schafft.
Dieses Buch gemeinsam zu lesen und zu besprechen, hat für Diskussionen und klärende Gespräche gesorgt. Weil, was heißt das, Spektrum? Warum so viele verschiedene Diagnosen und ist das nicht zu viel? Verlieren wir dadurch nicht unsere Akzeptanz für die vielen Verschiedenartigkeiten des Lebens? Hat da nicht gleich jeder was?
Ich denke, viele kennen diese Fragen und da kann ich nur raten, informieren, reden und nachdenken. Im Gespräch sind wir übereingekommen, dass die vielen Diagnosen vor allem für die Behandlung und den Umgang gut sind. Dass jeder und jede das Recht hat, sich wohl fühlen zu können und da geht es tatsächlich um das Können. Dass viele ihre Macken haben, dass manche aber gar keine Wahl haben, ob und welche ihr Leben bestimmen. Und dass wir Akzeptanz, Verstehen und Miteinander nicht einfach so verlieren, sondern dass wir uns dafür einsetzen können und müssen, jeden Tag, jede Stunde, jede Minute.
Ich persönlich war vor dem Lesekreis nervös und unsicher, danach immer noch ein bisschen, aber vor allem war ich begeistert und dankbar, wie offen und klug und vielschichtig wir diskutiert, geredet und besprochen haben und wie heil- und erholsam ein so direktes Gespräch mit vielen verschiedenen Meinungen ist. Lesekreis, Hurra! Ich freu mich aufs nächste Mal, da reden wir über Petra Hartliebs neuen Krimi „Buberlpartie“ (erscheint am 11. August, den ersten Teil „Freunderlwirtschaft“ habt Ihr sicher schon gelesen, oder? Petra liest bei uns am 17.9.) und Valérie Perrins „Tata“. Ich freu mich seitenweise auf Euch! JK





