Johannes empfiehlt – Geschwister

Johannes empfiehlt:
Geschwister

Moa Herngren, Kein & Aber Verlag

Das Kernthema der niederländischen Bestsellerautorin Moa Herngren ist Familie, eindeutig. Nach „Scheidung“ und dem Erfolgsroman „Schwiegermutter“ stehen nun die lieben Geschwister im Mittelpunkt, und dabei eröffnet uns Herngren einen ungemütlichen Pfad: den der Selbsterkenntnis nämlich.

Um von der packenden Familiensaga eingenommen werden zu können, braucht man nicht unbedingt selbst Bruder oder Schwester. „Geschwister“ erzählt zuerst einmal von Menschen, die es schaffen, einen grundlos und ohne viel Mühe aufzuregen. Für Andrea, oder Nea, übernimmt diese Rolle ihre große Schwester Ulrike. Ihr Vater ist vor kurzer Zeit verstorben, und während Ulrike mit über vierzig ihr Leben noch immer nicht auf die Reihe kriegt, hat sich Andrea, trotz Familie, Job und Kind nebenher noch um das Begräbnis gekümmert. Dass da nicht alles nach Ulrikes Geschmack ist, tut ihr zwar leid, aber es wäre ja nicht so, als hätte Andrea nicht nachgefragt. Aber was soll sie machen, wenn die große Schwester einfach nicht auf ihre Nachrichten reagiert?

Rasmus ist der jüngste der Geschwister. Er hat keine Familie, lebt in einer Kellerwohnung, hat einen gut bezahlten Job und außer seinem Online-Rollenspiel keine großen Verpflichtungen. Mit Andrea verbindet ihn zwar mehr als mit Ulrike, und wenn er sich nicht grade raushalten kann, übernimmt er fast zwangsweise immer die Vermittlerrolle in den Konflikten der Schwestern. 

Diese heraufzubeschwören, schafft Ulrike mit ihrem unsteten Leben, mit ihrer Unzuverlässigkeit und ihrem chronischen Geldmangel zur Genüge. Dass sie dabei Mama Lottens Lieblingstochter zu sein scheint, egal, wie sehr sich Andrea bemüht, dass sich Andreas pubertierende Tochter mit ihrer Tante besser versteht als mit ihrer Mutter, regt Andrea verständlicherweise nur noch mehr auf.

Moa Herngren hat „Geschwister“ in drei stabile Teile getrennt, drei zeitlich versetzte Perspektiven auf einen relativ kurzen Zeitraum. Dass sie keine schnellen Wechsel eingebaut hat, verstärkt das Sympathiegefühl und das Verständnis, das man beim Lesen jeder der drei Konfliktparteien entgegenbringt, und obwohl es um handfeste und gewichtige Themen geht, schafft die Erzählung mit Leichtigkeit zu punkten. Kein Abrutschen in belastende Verdrießlichkeit, keine Lähmung durch Druck erschwert den Lesefluss. Moa Herngrens große Kunst ist es, ernste, persönlich berührende Themen packend zu erzählen, ohne zu belasten, im Gegenteil, es befreit, sich manches von der Seele zu lesen und Nea, Ulrike und Rasmus in dieser Zeitspanne beistehen zu können und durch jede Seite mehr Einblick und gleichzeitig mehr Weitblick und Verständnis zu erlangen. „Geschwister“ vermag es, heilende Distanz zu schaffen und Lichtungen ins Dickicht familiärer Konflikte zu schlagen. Ein packendes und persönliches Buch, das einen erleichtert zurücklässt, mit der Ahnung, dass man in manchen Konflikten eine Lösung erarbeiten kann, wenn man den Blickwinkel ändert.

Geschwister

von Moa Herngren

Kein & Aber Verlag