Wenn Bücher zum Spiegel werden
Wenn Bücher zum
Spiegel werden
Seit vielen Jahren begleitet mich das Gefühl, nicht so gut zu sein wie andere. Weniger Energie zu haben, schneller überlastet oder überreizt zu sein. Permanente Überforderung, oft in depressive Phasen führend, war lange Zeit mein Alltag. Es ist dieses leise, aber stetige Gefühl, dass das Leben für alle anderen mit einer Leichtigkeit funktioniert, die mir verwehrt bleibt – als würden alle anderen ein Handbuch für das Leben besitzen, das ich nie bekommen habe.
Als ich dann in meinen 30ern längere Zeit in Therapie ging, kam ein Erleuchtungsmoment. Diagnose Hochsensibilität und eine intensivere Auseinandersetzung mit der Thematik war die Folge. Und siehe da: Begleiterscheinung war eine gewisse Akzeptanz und Versöhnung mit mir selbst. Ich kann nichts dafür! Ich habe besondere Herausforderungen zu stemmen, die eben mehr Energie fordern. Da es mein Grundwesen ausmacht, immer den Fokus auf die positiven Seiten zu richten, habe ich schnell meine Besonderheit und Stärken zu schätzen gelernt. Für die negativen Seiten habe ich nun mehr Verständnis und versuche auch Bewältigungsstrategien umzusetzen.

Doch trotz dieser Versöhnung blieb ein Restzweifel. Hochsensibilität erklärte vieles, aber nicht alles. Nicht dieses „Rauschen“ im Kopf, nicht die Schwierigkeit, Aufgaben zu priorisieren, Arbeiten abzuschließen, oder das Gefühl, dass mein Gehirn gleichzeitig in zehn verschiedene Richtungen rennt.
Nun, gute zehn Jahre später, beschäftige ich mich wieder mit dem Thema der Neurodivergenz. Vor etwa einem halben Jahr habe ich im Gespräch mit einer sehr guten Freundin die „Laiendiagnose“ bekommen, dass ich vermutlich AD(H)S habe. Sie ist selbst Betroffene, und allein, wie wir miteinander „können“ und kommunizieren – dieses Springen von Thema zu Thema, das tiefe Verständnis für das Chaos im Kopf –, war für sie ein deutliches Anzeichen. Zu diesem Zeitpunkt haben wir darüber gelacht. Ich habe es zwar als Möglichkeit wahrgenommen, aber so richtig ernst genommen habe ich es nicht. AD(H)S? War das nicht das Thema für „Zappelphilippe“ in der Grundschule? Dass sich AD(H)S bei erwachsenen Frauen oft ganz anders zeigt – nämlich eher durch inneres Chaos statt durch äußere Unruhe –, war mir damals noch nicht bewusst.
Nun im Frühjahr sind einige sehr gute Romane erschienen, die sich genau mit diesem „Anderssein“ durch Neurodivergenz beschäftigen. Eines davon war mein Augenöffner.

„Ich erzähle von meinen Beinen“ von Cornelia Travinicek könnte in vielen Teilen mein Hirn abbilden. Es passiert mir nicht oft, mich selbst so intensiv in einer Geschichte wiederzufinden.
Wally hat eine Teenager-Tochter, die mit AD(H)S diagnostiziert wurde. Die Tabletten, die das Mädchen verschrieben bekommt, verabreicht sich Wally aber selbst, weil sie mit ihrem Alltag überfordert ist. Außerdem beginnt sie ihr Leben zu hinterfragen. Immer öfter stellt sie fest, wie sehr sie sich von anderen, „normalen“ Menschen unterscheidet. Wally hat eine Teenager-Tochter, die
mit AD(H)S diagnostiziert wurde. Die Tabletten, die das Mädchen verschrieben bekommt, verabreicht sich Wally aber selbst, weil sie mit ihrem Alltag überfordert ist. Außerdem beginnt sie ihr Leben zu hinterfragen. Immer öfter stellt sie fest, wie sehr sie sich von anderen, „normalen“ Menschen unterscheidet. Die Geschichte spitzt sich immer mehr zu, und als ein Hochwasser Wallys Haus trifft, bricht sie zusammen.
Ich habe die Geschichte gelesen und es war, als hätte diese Autorin mein Hirn geöffnet und zur Geschichte verarbeitet! In vielen Episoden habe ich mich wiedergefunden; dieses Gefühl, nur noch zu funktionieren, immer an der Kippe zum Zusammenbruch. Ich fühlte mich durch ein Buch so gesehen und verstanden wie selten zuvor.
Warum ist das so wichtig? Weil Literatur uns zeigt, dass wir nicht allein sind. Wenn wir jahrelang glauben, wir seien einfach nur „falsch“ oder „schwach“, kann ein einziger Roman das gesamte Selbstbild zurechtrücken. Wally zu begleiten war kein bloßes Lesen, es war wie ein Ankommen. Endlich gab es Worte für das, was ich schon immer gefühlt, aber nie greifen konnte.
In der Folge habe ich dann angefangen, Sachbücher zu lesen, und plötzlich hatten all diese Dinge, die ich mein Leben lang nur als ‚persönliches Versagen‘ oder Faulheit abgestempelt hatte, einen Namen. Es war kein Charakterfehler, sondern ich habe kapiert: Ich bin nicht einfach nur chaotisch oder emotional zu ‚drüber‘ – mein Kopf funktioniert einfach nach ganz eigenen Regeln.
Der nächste Schritt wird nun wohl die offizielle Diagnostik und Therapie sein. Nicht, um ein Label zu tragen, sondern um endlich die richtigen Werkzeuge für mein ganz spezielles Gehirn zu bekommen. Denn Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Selbstliebe – und manchmal braucht es eben ein gutes Buch, um den Weg dorthin zu finden.
Hier noch die Bücher die ich zu dem Thema gelesen habe:




