Johannes empfiehlt – Alt Genug

Johannes empfiehlt:
Alt Genug

Ildiko von Kürthy, Ullstein Verlag

To boldly read …

Über 27 Jahre ist es her, dass Ildiko von Kürthy ihr erstes Buch veröffentlicht hat – und immer habe ich ihre Bücher und ihre Arbeit als Autorin abgetan, als etwas, das ich nicht gelesen, nicht ausprobiert haben muss. Warum? Da habe ich mir viele Gründe zurechtgelegt: Von „Das geht mich nichts an“ bis „Interessiert mich nicht“ oder „Was hat das mit mir zu tun?“. Jetzt bin ich alt genug, um draufgekommen: Das Gegenteil ist der Fall.

Lesen ist nicht unbequem, im Gegenteil. Wir können in der Bim sitzen oder auf der Couch oder im Bett rumliegen, ein Buch in der Hand und dann: „Drachen!“ oder „Sturm!“ oder „Sie blickte ihm in die Augen und …“ oder „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte …“. So, das ist der Stand der Dinge. Für Klassiker bekommt man ReadCred (Reader Credibility), für trendy Genres dasselbe, nur auf Social Media. Und hast du Thriller oder Romane, die gestreamt wurden, gelesen, überspült dich die Reaktion auf ein ehrlich vorgebrachtes „Ich habe das Buch gelesen und fand es besser“ wie ein warmer Sommerregen.

Ist das nicht großartig? Lesen ist der Inbegriff der Komfortzone eines privilegierten Lebens. Lesen ist das Erste-Klasse-Klimaticket des Geistes, eine Platinkarte, mit der du in jedes öffentliche Verkehrsmittel einsteigen und überall hingelangen kannst, wo du hinwillst. Ein Bus nach Narnia? Kein Problem. Eine Droschke auf den Borgo-Pass? Hüpf rein, Fremder. Eine U-Bahn ins London des 19. Jahrhunderts? Bücher sind deine Oyster Card, nur billiger. Und was machen wir damit? Die meisten von uns fahren immer in denselben Stadtteil, ins selbe Land, ins selbe Gebiet. Wir sind so verwöhnt, dass wir sogar in der privilegiertesten Komfortzone eine Komfortzone haben. Dabei hätten wir alle Möglichkeiten!

Das Risiko ist mir klar, du liest etwas und wirst nicht warm damit. Na gut, soll sein, aber was ist, wenn das einfach nur das anfängliche Unbehagen ist, wenn du das erste Mal Meerwasser oder das eiskalte Wasser eines frischen Gebirgsbaches an den Zehen spürst? Was ist, wenn es genau das ist, von dem in letzter Zeit immer wieder Leserinnen und Leser sprechen? Dass es ihnen schwerfällt, zu fokussieren. Was ist, wenn es das ist, was uns lähmt und daran hindert, uns in ein Buch zu versenken? Dass wir die Struktur schon kennen, die Handlung

vorausahnen. Ich will jetzt nicht FOMO heraufbeschwören, aber die Möglichkeit, so einfach neue Welten kennenlernen zu können, ist so sehr „Raumschiff Enterprise“, dass ich nicht widerstehen kann. Leider habe ich für diese Erkenntnis ein bisschen länger gebraucht, aber nun. Und dabei kann es so schön sein, das Neue, das, was wir noch nicht wissen, noch nicht gewusst haben.

Ildiko von Kürthys Buch hat mir einmal mehr gezeigt, wie schön es sein kann. Der Titel „Alt genug“ ist eine Ansage, keine Inhaltsangabe, es ist eine Ouvertüre. Denn was dann folgt, war für mich erst mal ein Stimmungsbild. Eine Reise mit der besten Freundin nach Wacken, eine Familienbestandsaufnahme, die Einladung und der Widerwille, zu einer Party zu gehen. Die Bekannten und schließlich die Freundinnen, die einen schon so lange begleiten. Überraschenderweise habe ich mich in manchem wiedergefunden. Du verstehst den Titel intuitiv, okay, ich bin alt genug, um dieses oder jenes zu tun oder zu lassen. Die Tiefen, in die die Autorin aber auf den nächsten Seiten vordringt, sind respekteinflößend und haben mir einige Male nervöses Kichern und schließlich Lachen und das eine oder andere Schluchzen entlockt.

Sie schreibt über Familienkonflikte, über Mode und Körper, und dann immer wieder über das, was ihre Freundinnen ihr bedeuten. Nur so viel zwischendrin: Ich kann mit Karneval oder Fasching nicht viel anfangen, mich macht das eher nervös, weil mir nicht ganz klar ist, was nun tatsächlich im Mittelpunkt dieser Veranstaltungen steht, Freiheit oder der Wettbewerb, das beste oder überraschendste Kostüm zu haben, für mich sind das absolute Gegensätze. Ich verkleide mich gerne, ja, aber dann bewertet zu werden, widerspricht dem Spaß an der Sache. Als Frau Kürthy im Buch erzählt, dass sie und ihre Freundin sich auf einer Raststation als die beiden As aus ABBA verkleidet haben, um ihre krebskranke Freundin mit einer Performance zu überraschen, da habe ich kurz schlucken müssen.

„Alt genug“ erzählt von der Ehrlichkeit sich selbst gegenüber, die einem das Leben abverlangt, davon, dass nichts jemals eindeutig ist. Es erzählt von der Sehnsucht danach, dass man endlich ernst genommen werden will, der Schlammschlacht von Wacken, dem Verkleiden als Agneta und dem befreienden Gefühl, die Sehnsucht danach, für voll genommen zu werden, endlich ablegen zu können. Weil es nicht am „ernst genommen“ hängt, sondern daran, dass man die anderen dazu nicht braucht, sondern nur sich selbst. Und ebenso zeitgleich gibt die Autorin zu, wie schwierig das ist. Ildiko von Kürthy erzählt von den Widrigkeiten ihrer Kandidatur bei GNTM, von der Lächerlichkeit von Motivationssprüchen und haut gleichzeitig welche raus, die plötzlich passen, und all das ist eingebettet in eine einfache, klare Erzählung.

Es steckt so viel mehr in diesem Buch als das, worüber ich jetzt geschrieben habe. Die Begegnung mit einem langjährigen Freund, einem in Wien tätigen Facharzt für Psychiatrie, wenn ich mich richtig erinnere, die Begegnung mit dem Tod, die Schwierigkeit, mit einer Schriftstellerin befreundet zu sein, und wie einfach, klar und hilfreich und wichtig diese Arbeit doch ist.

Das sind alles Szenen, die jetzt in meinem Kopf, in meiner Erinnerung, in meinem Herzen sind. „Alt genug“ ist ein Buch, das ich gelesen habe, weil das mein Job ist: Bücher verkaufen. Dann hat dieses Buch etwas mit mir gemacht, es hat mich berührt und etwas neu gebildet. Was das ist, weiß ich noch nicht so ganz, vielleicht ist es einfach eine neue Erfahrung, ein neuer Blickwinkel, der hilft, ein bisschen besser zu verstehen.

Außerhalb unserer Komfortzone zu lesen kann genau das bewirken: Neues sehen, Unbekanntes sichtbar machen, den Horizont erweitern. Es steht dabei so wenig auf dem Spiel, wir müssen uns nicht einmal weit bewegen. Es reicht, in die Buchhandlung zu gehen und zu fragen: „Welches Buch hat dir als letztes so richtig gut gefallen?“ Deine Buchhändlerin hat da vielleicht einen Tipp für dich.

Alt Genug

von Indiko von Kürthy

Ullstein Verlag