Johannes empfiehtl – Moosland

Johannes empfiehlt:
Moosland

Katrin Zipse, Dumont Verlag

Ich lese schon lange keine Klappentexte mehr, zumindest nicht, wenn es sich vermeiden lässt. Island an der Schwelle zu den 1950ern ist eine Welt, über die ich mir noch nie Gedanken gemacht habe. Warum auch? Was soll dort gewesen sein? Wikinger wahrscheinlich keine mehr. Riesen? Katastrophen? Mein geistiger Stand dazu gleicht einer Einöde, ist ein leerer Raum, eine Kammer ohne Einrichtung. In so einen leeren Raum einzutreten, ist wohl eines der größten Abenteuer, die wir, ohne unser Zimmer zu verlassen, zu erleben imstande sind.

Katrin Zipse erzählt in „Moosland“ die Geschichte von zwei oder eigentlich einer jungen Deutschen, die, nach freiwilliger Meldung, ein Jahr lang auf einem Gehöft in Island arbeiten soll. Deutschland und die Welt sind erst vor kurzem dem schrecklichen Krieg entronnen, das Land ist zerstört, niemand wartet zu Hause, warum nicht weggehen?

Elsa wird, gerade in Island angekommen, von einem Mann über die Schulter gelegt und an Land getragen. Dann ein langer Marsch, der Mann ist um einiges schneller als sie und hat nicht vor zu warten, dann das Gehöft, das ein Jahr lang ihre Heimat sein soll. Schon zu Beginn ist schnell klar, dass das anstrengend wird, denn Elsa spricht kein Wort der Landessprache, und da ist sie unter den 300 deutschen Frauen, die sich zu dieser Reise entschlossen haben, nicht die einzige.

Die isländischen Bauernfamilien erhofften sich vor allem zwei Dinge: billige Arbeitskräfte und Heiratskandidatinnen für die Söhne. Der Aufruf dazu kam von der isländischen Bauernpartei und wurde vom deutschen Pendant gern an die deutsche Jugend weitergereicht.

Ein entbehrungsreiches Leben in der Einöde wartet, ein stilles Sich-Vorantasten, ein wildes, weites Land mit vollkommen unbekannten und unerklärlichen Sitten, Gebräuchen und Arbeitsabläufen, kein Wort der Verständigung. So groß ist anfänglich Elsas Angst, dass sie sich weigert zu lernen, sie verschließt sich in sich selbst. Was mit Gesten gesagt werden kann, wird gedeutet, und schnell ist auch der Bauernfamilie klar, dass das so einfach nicht ist, wie man sich das vielleicht vorgestellt hat. Doch die Natur und das Land warten auf niemanden. Und so branden Alltag, Nacht, Wind, Wetter, Wasser und Meer, Schafe, Fisch und das Leben der Familie gegen die Klippen von Elsas zurückhaltendem Leben und hinterlassen erbarmungslos ihre Spuren. „Moosland“ ist eine eindringliche, echte Geschichte vom Fremdsein, Fremdbleiben und vom Auftauen, vom Kennenlernen und Frieden finden in Einsamkeit und Miteinander. Eine Geschichte von einem Ankommen, das kein Selbstläufer ist, erzählt mit allen Widrigkeiten, die Geschichte, Zeit und Natur für uns bereithalten. Ein Zauberbuch, eine Saga und ein neues Leben ist „Moosland“, ein Buch, um sich darin zu verlieren.

Moosland

von Katrin Zipse

Dumont Verlag