Marias Weg ins Seeseiten-Team

Marias Weg ins Seeseiten-Team

Seit September 2025 gehöre ich nun schon zum Team der Seeseiten. Einige von euch habe ich bereits persönlich in der Buchhandlung getroffen, andere kenne ich vom Telefonieren oder dem digitalen Austausch – und einige aus dem Lesekreis. Aber der Reihe nach! Ich will euch erzählen, warum ich Bücher liebe und wie es mich in die Seeseiten verschlagen hat.

Kennt ihr diesen Cartoon? Zwei Mütter sitzen mit ihren Kindern auf einer Parkbank. Ein Kind und seine Mutter wischen am Handy, die andere Mutter und ihr Kind sind in ein Buch vertieft. Die wischende Mutter fragt: „Wie schaffst du es nur, dein Kind zum Lesen zu bringen?“

Ich war dieses lesende Kind. Nicht nur, weil es in der Welt meiner Kindheit in den 1970er- und 80er-Jahren noch keine Handys gab, sondern vor allem, weil ich ständig von lesenden Personen umgeben war. Meine Oma liebte Agatha Christie, und mit 13 oder 14 Jahren hatte ich all ihre Krimis durch. Mein Papa las Bücher über Philosophie und Kunstgeschichte, die ich nicht verstand. Aber ich liebte es, in den schweren Kunstbänden zu blättern.

©Daniel Eggerstorfer

Mein größtes Lesevorbild aber war meine Mama. Sie war schon als Jugendliche Stammgast in der Asperner Bücherei, verschlang alles, was ihr die Bibliothekarin über die Theke reichte, und wünschte sich zu jedem Anlass Bücher. Viele davon stehen heute in meinem Regal. Für ihr liebstes Hobby nutzte sie jede freie Minute und jeden Ort – ich sah sie lesend auf dem Sofa, lesend im Gartenstuhl, lesend im Bett, lesend im Urlaub. In der Volksschule, in der sie arbeitete, baute sie eine Bibliothek für ihre Schülerinnen auf. Zu Hause lagen überall Bücher herum, und Besuche in Buchhandlungen und der städtischen Bücherei gehörten zu meinem Alltag.

Das Bücherregal meiner Eltern war eine Fundgrube; ich entdeckte Titel von Elias Canetti (besonders fasziniert hat mich Die Blendung), Gerhard Roth (von Das Alphabet der Zeit konnte ich mich kaum losreißen), Josef Haslinger (Opernball fand ich so gut!) Thomas Bernhard (seine fünfbändige Autobiographie – Die Ursache, Der Keller, Der Atem, Die Kälte, Ein Kind – ist auch als Graphic Novel erschienen) und Peter Henisch (Mortimer & Miss Molly habe ich zuletzt von ihm gelesen), Simone de Beauvoir (Das andere Geschlecht war prägend!) und Jean-Paul Sartre (sehr begeistert war ich von Das Spiel ist aus), Hermann Hesse (Narziß und Goldmund fand ich damals unglaublich), Ödön von Horváth (Kasimir und Karoline war mein Favorit),

Ernst Jandl (sein Gedicht fünfter sein gibt es als wunderschön illustriertes Kinderbuch) und H.C. Artmann (im Juni 2026 erscheint zu seinem 105. Geburtstag die Jubiläumsausgabe Med ana schwoazzn Dintn), Renate Welsh (das Schicksal der 13-jährigen Johanna in Johanna hat mich als Teenager tief berührt), Ingeborg Bachmann (anlässlich ihres 100. Geburtstags ist bei Suhrkamp vor kurzem eine Sonderausgabe von Malina erschienen), Marlen Haushofer (ihr Hauptwerk Die Wand war ein intensives Erlebnis) und Brigitte Schwaiger (Wie kommt das Salz ins Meer hat mich sehr beeindruck) oder von Erich Fromm (Die Kunst des Liebens habe ich schon einige Male verschenkt), aber auch Sachbücher oder Ausstellungskataloge.

Natürlich sorgte meine Mutter dafür, dass meine Brüder und ich immer genug Lesestoff hatten. Prägend waren für mich Christine Nöstlinger – mein Favorit: Am Montag ist alles ganz anders mit der wunderbar unkonventionellen Oma, die ihrer Enkelin eine Punkfrisur verpasst – und Michael Ende, dessen Unendliche Geschichte mich völlig gefesselt hat. Ein echtes Lese-Erweckungserlebnis aber war Lena – Unser Dorf und der Krieg von Käthe Recheis.

Es vermittelte mir, was gute Literatur unter anderem kann: mich berühren, mich in eine Geschichte hineinziehen und alles rund um mich herum vergessen lassen, mich mitnehmen in eine vergangene Zeit und in die Gefühlswelten der Menschen, die in ihr lebten. Mit zehn, elf, zwölf Jahren las ich dieses Buch immer wieder.
Das Lesen blieb mein liebstes Hobby. Nach einer pädagogischen Ausbildung entschied ich mich für die Studienfächer Germanistik und Publizistik und kam zum ersten Mal mit der Buchbranche in Berührung. Da wusste ich: Ich will in einen Verlag! Ich machte Praktika in Wien und Hamburg und arbeitete später in Publikums- und Schulbuchverlagen als Pressereferentin und Lektorin.

Während meiner Zeit in einem Sachbuch- und Ratgeberverlag lernte ich Johannes kennen. Er organisierte in einer großen Buchhandlung Veranstaltungen für Autorinnen meines Verlags und wurde für ein paar Monate sogar mein Verlagskollege, bevor er die Seeseiten in der Seestadt eröffnete. Als Esslingerin, die praktisch ums Eck wohnt, war klar, dass ich künftig meine Bücher bei ihm kaufe – und so blieben wir in Kontakt.

Nach einer beruflichen Auszeit für mein Kind suchten wir beide: Johannes eine neue Mitarbeiterin, ich einen Weg zurück in die Buchbranche. Es war ein Match!

An meinem ersten Arbeitstag in den Seeseiten, es war Schulbeginn, spürte ich, dass ich hier richtig bin. Durch die offene Tür wehte ein spätsommerlicher Duft nach frisch gemähter Wiese und Seewasser, Kinder kamen vorbei und präsentierten stolz ihre Schultüten. Zwei freche Kätzchen aus der Nachbarschaft schlüpften zwischen ihren Beinen hindurch und verschwanden hinter den Regalen. Und überall: Bücher, Bücher, Bücher. Ein Paradies. Fast ein bisschen kitschig. Ich gebe es zu.

Jetzt erlebe ich die Branche aus einer neuen Perspektive. Ich mache die Bücher nicht mehr selbst, sondern empfehle sie. Ich recherchiere Themen, stelle Sortimente zusammen, betreue Büchertische, unsere Buch-Abos, Buchpräsentationen und Schulausstellungen. Ich durchforste Verlagsvorschauen, treffe unsere Verlagsvertreterinnen, lese Vorabexemplare und kümmere mich um dies und das, was hinter den Kulissen einer Buchhandlung anfällt. Und nicht zuletzt leite ich den Seeseiten-Lesekreis, den mir Bettina vor ihrem Abschied übergeben hat.

Bis bald in den Seeseiten!

Maria

P.S.: Was ich gerne lese? Ein kleiner Auszug von aktuellen Lieblingsbüchern aus meinem privaten Belletristik-Regal:


Beitrag veröffentlicht

in

, ,

von