Johannes empfiehlt – Ich erzähle von meinen Beinen

Johannes empfiehlt
Ich erzähle von meine Beinen

Cornelia Travnicek, Picus Verlag

Das Atmen vergessen …

Wenn du dir noch nie einen Fuß gebrochen hast, ist es schwer, zu verstehen, wie sich das anfühlt. Für jemanden, der noch nie Zahnschmerzen hatte, ist ein Zahnarzttermin möglicherweise Zeitverschwendung. Neurodivergenz und psychische Belastungen sind ein Stigma, immer noch und immer noch für viele unvorstellbar.

Walli und ihre Tochter Valie teilen sich ein Problem. Valie, neun Jahre alt, beste Tochter und blitzgescheit, hat ihrer Mutter gegenüber aber einen entscheidenden Vorteil: Bei dem Kind ist ADHS diagnostiziert, bei ihrer Mama Walli nicht, au contraire.

Nichts scheint wichtiger für Walli, als unbemerkt und ohne anderen zur Last zu fallen, durch den Tag zu kommen. Matthias steht ihr seit der Schulzeit zur Seite, aus der Freundschaft hat sich eine Partnerschaft entwickelt, nicht unbelastet, aber stabil, und in Grundzügen glücklich, und bei wem ist Partnerschaft schon unbelastet.
Der Familienalltag ist, von außen betrachtet, das ganz normale Chaos.

Die Innenansicht ist allerdings eine andere. Wie es in Walli aussieht, die sich auf nichts richtig konzentrieren kann, die erstmal die Tabletten ihrer Tochter nimmt, um überhaupt schlafen zu können, der jede neue Aufgabe wunderbar erscheint, weil sie das von all den anderen Anforderungen ablenkt, wie sich das alles von innen anfühlt, erzählt Cornelia Travnicek in ihrem neuen Buch. Und dabei ist das durchaus komisch, wenn sie und ihre Tochter versuchen, das Zimmer umzustellen, und es hat durchaus Komik, wenn Walli versucht, ihrem Mann ihre Beweggründe für das Montieren zweier neuer Lampen darzulegen, und doch könnte es ernster nicht sein, denn wenn man mitten am Zebrastreifen vergisst zu gehen, was kann man noch alles vergessen, wenn man nicht immer dran denkt? Blinzeln? Den Herzschlag? Atmen?  

In einem beeindruckenden Akt hyperdisziplinierten Erzählens ist Cornelia Travnicek das Unglaubliche gelungen, sie erzählt das innere Chaos einer von ADHS betroffenen Erwachsenen. Sie erzählt die tragische Komik und komische Tragik, den Ernst der Situation und die unfassbare Geschwindigkeit der Gedanken eines nicht zur Ruhe kommenden Gehirns.

„Ich erzähle von meinen Beinen“ hat mich dazu gebracht, den Atem anzuhalten, dazu, laut herauszulachen und vor Angst zu schluchzen. Bücher können Verstehen ermöglichen, aber auch, dass man sich mit seinen Empfindungen nicht allein fühlt. Beides ist der Autorin gelungen. Ein faszinierendes, witziges und wichtiges Buch und eine absolute Empfehlung, leicht und definitiv nichts für schwache Nerven.

-Johannes

Ich erzähle von meinen Beinen

von Cornelia Travnicek

Picus Verlag