Johannes empfiehlt – „Walküre“, Daniel Zipfel

Johannes empfiehlt – „Walküre“, Daniel Zipfel – leykam: Verlag

Oma Ilse lebt in ihrem Haus in Deutschland, sie ist schon immer gern Radgefahren, ist stolz auf ihr Land und über die Zeit vor 1945 wird nicht geredet. Sie hat eine Tochter, einen Enkel und Urenkel in Wien und Häusl in Kritzendorf und dorthin soll sie ihr Enkel Ben jetzt gemeinsam mit ihrem Fahrrad, ihren Tabletten und ihren Erinnerungen bringen.
Es ist 2015 und die Fluchtwelle steht am Anfang.

Ben arbeitet in der Rechtsberatung für Geflüchtete, seine Ex-Frau und die Mutter ihrer gemeinsamen Kinder im Ministerium, Ben zur Seite steht Herr Adnan, ein aus Syrien geflüchteter Dolmetscher. Und ausgerechnet ihm, der vorgibt seine ganze Familie im Krieg verloren zu haben, wird zur Last gelegt, in Syrien Kriegsverbrechen begangen zu haben, was niemand so recht glauben kann.

Dass ausgerechnet Herr Adnan im Rahmen eines Beschäftigungsprogramms Bens Großmutter zur Seite gestellt wird, um ihr bei alltäglichen Besorgungen zu helfen, klingt wie ein schlechter Scherz, doch überraschenderweise verstehen sich die beiden ausgezeichnet und Bens Oma Ilse fühlt sich in der Gesellschaft des fürsorglichen und freundlichen Mannes wohl. Daniel Zipfel, der selbst in der Rechtsberatung für Geflüchtete arbeitet, stellt die allereinfachste Frage: „Was ist gut und was ist böse?“ So einfach die Frage ist, so vielschichtig und schwierig ist die Antwort, die kein Wort weniger haben darf, keine Seite weniger verdient, als dieser großartige Roman. Ausgewogen, scharf, klar und mit einem außerordentlichen Gefühl für die unzähligen Nuance der eigenen, alltäglichen Lebenswirklichkeit und vor allem mit treffsicherem, leisen Humor erzählt, ist „Walküre“ für mich eines der Lesehighlights des Frühjahres.

-Johannes

Walküre

von Daniel Zipferl

leykam: Verlag