#22 Ich möchte über einen Thriller sprechen …

#22 Ich möchte über einen Thriller sprechen …

Ich lese ja schon viel. Also, bestimmt gibt es Menschen, die mehr lesen als ich, aber so den Durchschnitt betrachtet, lese ich überdurchschnittlich viel. Glaube ich. Dabei bewege ich mich überdurchschnittlich viel im belletristischen Bereich. Krimis und Thriller lese ich eher weniger, aber schon ganz gern, deswegen lese ich sie nicht gar nicht. Ein Krimi oder Thriller muss mich wirklich packen. Gute Überraschungsmomente müssen da sein. Wenn es möglich ist, soll doch bitte nicht schon wieder eine wunderschöne junge Frau in die Fänge eines Psychomörders geraten. Schöne junge Frauen als Opfer finde ich überhaupt überbewertet. Wunderschöne junge/ mittelalte/ alte Männer könnten doch auch mal nicht die Helden sein, sondern … na, lassen wir das. Das ist ein Thema für einen anderen Blog-Beitrag.

Anyway … Vor kurzem habe ich einen grandiosen, megamäßig genialen Thriller gelesen! Ja. Megamäßig genial. Das habe ich bisher nur einmal von einem Thriller gedacht. Ich bin also wirklich eher kritisch unterwegs bei diesem Genre.
So, wie schaffe ich jetzt die Überleitung zum Titel? Mehr Geschwafel macht das Lesen wahrscheinlich mühsam. Drumroll: trrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr ….

„Nacht“ von Yrsa Sigurdardottir

Worum geht’s? Sóldís ist Studentin, in Reykjavík lebend, und flieht vor ihrem (vermutlich) übergriffigen Ex-Freund in ein kleines, nördlich gelegenes Haufendorf. Dorf ist vielleicht übertrieben, es sind vereinzelte Höfe, auf einer sehr großen Fläche verteilt. Sóldís hat hier eine Stelle als Haushaltshilfe/ AuPair-Mädchen bei einer vierköpfigen Familie angenommen, deren Anwesen nur als beeindruckend luxuriös bezeichnet werden kann. Landwirtschaft wird hier hobbymäßig betrieben und die Pferde, Hühner und Hunde sind mehr Spielgefährten der Kinder als Arbeitstiere. (Kann man ein Huhn als Arbeitstier bezeichnen?) Die Nachbarn, damit sind die Höfe in etwa 5km Entfernung gemeint, sind der neu zugezogenen Familie wenig aufgeschlossen. Schließlich wird hier am Land richtige Landwirtschaft gebraucht und nicht stümperhaftes Herumgezupfe im Garten.

Wir, die Leserinnen und Leser, steigen in die Geschichte ein, als die Geschichte der Familie und von Sóldís schon wieder vorbei ist. Sie werden tot auf dem Grundstück gefunden. Wie lange liegen sie da schon? Kann man so genau nicht sagen. Ein besorgter Nachbar findet sie, nachdem er einige Tage nichts von ihnen gehört hat. Er steht vor dem Haupthaus, vor einigen Tagen war er schon einmal hier, da haben die Hunde drinnen gebellt. Da ist er nach Hause gefahren, in der Annahme die Familie wird schon irgendwo unterwegs sein. Heute aber, heute ist hier nichts von den Hunden zu hören… Die Hunde bellen jetzt im Pferdestall. Nach einigem hin und her und überlegen, möchte der Nachbar nicht gehen, bevor er nicht ins Haus geschaut hat …
Als er dann schließlich fluchtartig das Anwesen verlässt, wirft er nochmal einen Blick auf das Gebäude. Komisch … er könnte schwören, dass bei seiner Ankunft die Vorhänge am Dachboden offen waren.

Yrsa Sigurdardottir arbeitet hier mit einem bekannten Muster: Haus mitten im Nirgendwo. Schnee überall. Dunkelheit. Unheimliche Begegnungen. Probleme mit den Nachbarn. Und so weiter. Klar, alles schon mal gehört. Aber es ist eine Kunst all diese Bestandteile so anzuordnen, dass es einem die Nackenhaare trotzdem aufstellt. Vielleicht kann man irgendwann erahnen, wer es gewesen sein könnte, man glaubt zu wissen, was passiert sein mag. Nur um dann wieder alles in Frage zu stellen. Natürlich funktioniert diese Form des Thrillers. Deswegen gibt es so viele dieser Art. Aber Sigurdardottir macht die Lektüre zu etwas Einzigartigem. Ich hatte Herzklopfen und Gänsehaut, so gefangen war ich in der Geschichte, in der Sprache der Autorin. Derartige Gruselmomente in Büchern hatte ich bisher nur einmal, wie gesagt. Und das war bei „Schnee“ von Yrsa Sigurdardottir.

Schnee“ ist der Vorgänger-Band der „Reihe“. Hat allerdings nichts mit den Geschehnissen bei „Nacht“ zu tun, außer, dass es ebenfalls in Island spielt. Hier geht es um vier Wander*innen, die tot im Schnee gefunden werden. Was genau sich hier abgespielt hat, ist nicht klar. Die beiden Frauen und Männer, die nicht besonders erfahrene Mehrtagestourengeher*innen waren, werden an verschiedenen Stellen der Strecke gefunden. Das Zelt ist in einem schlechten Zustand und halb von Schnee bedeckt. Der Todeszeitpunkt kann unmöglich festgestellt werden.
So der Hauptstrang der Geschichte.

Vielleicht ist es dem ein oder der anderen aufgefallen. Die beiden Geschichten haben so an sich nichts miteinander zu tun. Aber ich habe eine Vermutung zur Reihe. Die Geschichten hat man schon mal gehört. Im wirklichen Leben.

Schnee“ erinnert stark an die Geschehnisse am Djatlow-Pass in Russland. Hier wurden neun Skiwanderer tot aufgefunden. Bis heute ist nicht klar, was sich zugetragen hat, da der Zustand und der jeweilige Fundort der Leichen keinerlei Rückschlüsse auf die Ereignisse ziehen lassen. Im Gegenteil. Es gibt mittlerweile einige Theorien und zumindest eine davon klingt auch plausibel, aber man wird wohl nie herausfinden, was sich wirklich zugetragen hat.

Nacht“ lässt einen an die Morde in Deutschland denken, die 1922 an einer Bauernfamilie begangen wurden. Auch hier wurden die Opfer erst einige Tage nach der Tat aufgefunden. Das interessante oder perfide dabei ist, dass der Mörder oder die Mörderin noch bis zum Zeitpunkt des Funds auf dem Hof gelebt und die Tiere versorgt hat. Bis heute ist dieser Fall ungeklärt.*

Ob sich Yrsa Sirgurdardottir dazu geäußert hat, weiß ich nicht. Vielleicht ist meine Theorie schon längst überall bekannt und ich komme mir wahnsinnig clever vor, weil ich alles durchschaut habe und dabei wissen schon alle längst Bescheid. Wie dem auch sei, die Autorin versucht in keiner Weise diese Fälle aufzuklären oder Lösungsansätze zu finden. Die Geschichten aus den Büchern nehmen nur einen losen Bezug zu den wahren Ereignissen, in dem sie lediglich daran erinnern, sie aber in einen ganz neuen Kontext setzen und ein anderes Setting bieten. Ich bin sehr gespannt, wie und ob es in dieser Reihe weitergeht. Und an welche reale Begebenheit es erinnert.

Ich hoffe, dass alle Thriller-Fans dieses Buch zur Hand nehmen! Ich kann es wirklich nur wärmstens empfehlen! Setz dich an einem Sonntag früh morgens hin und tauch ein in den eiskalten isländischen Winter. Wenn du aus der Trance erwachst, wird es finster sein. Lass unbedingt die Jalousien herunter oder zieh die Vorhänge zu, denn wer weiß, was da in der Dunkelheit lauert.

Viel Spaß beim Gruseln,
Anna

*Wer sich nun durchs Internet fuchsen möchte, um mehr über diese beiden Fälle zu erfahren: Keine Sorge, man wird nicht gespoilert.


Nacht
Yrsa Sigurdardottir
btb Verlag 2023
978-3-442-76241-5

Hier geht’s zum Onlineshop


Schnee
Yrsa Sigurdardottir
btb Verlag 2022
978-3-442-75952-1

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